Michelle Janßen ist Bloggerin und Germanistin und forscht u.a. zu digitalen Fankulturen und Onlinecommunities. Außerdem setzt sie sich auf ihrem Blog “Büchnerwald” und bei “Language at Play” kulturkritisch mit Literatur und Videospielen auseinander und twittert unter @mianjanssen über Kultur und Feminismus. Zum Launch von “Keinen Pixel den Faschisten!” haben wir uns mit ihr über das Medium Youtube und die Fancommunities von Gamingstars wie Gronkh unterhalten.

Du bist Literaturwissenschaftlerin, beschäftigst dich aber u.a. viel mit Online-Communities wie z.B. den Fans einzelner Youtuber*innen. Wie bist du zu diesem Thema gekommen?

Youtube wurde während meiner Jugend groß, ich bin quasi innerhalb dieser Communities groß geworden. Je älter ich wurde (und je mehr ich dazugelernt habe), desto häufiger bemerkte ich Probleme in der Szene – gerade bei den großen Youtuber*innen, die sich eigentlich als ‘links’ stilisier(t)en.
Aus meiner Perspektive ist die Trennung zwischen Literatur/Kultur und Youtube auch nicht so hart, wie sie von Außen wirken kann. Gerade im Fanbereich gibt es viel Kunst und Literatur, die einen großen Einfluss auf Jugendkultur übt. In diesen Punkten kann man Fankultur durchaus mit ‘traditionellen’ Einflüssen auf Literatur vergleichen und genau da mache ich mir meine Erfahrung in dem Bereich zu nutzen.

Welche Rolle spielen bekannte Gaming-Größen wie z.B. Gronkh, den du ja auch schon einmal ausführlich kritisiert hast, bei der Normalisierung rechter Sprache und Gedanken in Gaming-Communities?

Online-Kultur spielt eine große Rolle in der Art und Weise, in der Jugendliche (und auch Erwachsene) sozialisiert werden. Im Gamingbereich, wie auch in anderen Communities, nehmen die bekannten Gesichter Vorbildrollen ein. Ihre Sprechgewohnheiten und Persönlichkeiten beeinflussen Zuschauer*innen und normalisieren eventuelle problematische Inhalte.
Gerade Menschen wie Erik Range (Gronkh) verstecken sich hinter Aussagen wie ‘Ich bin doch nur ein Typ aus dem Internet’ und wollen ihren Einfluss nicht eingestehen, um sich, so hart es auch klingen mag, aus der Verantwortung zu ziehen. Witze gegen Minderheiten, Tweets die gegen Kritiker*innen wettern und Co. erreichen ein potenzielles Millionenpublikum. Um rechtes Gedankengut zu stützen, müssen Youtuber*innen nicht rechts sein. Es reicht schon rechte Rhetoriken (Witze über Feminismus, beiläufigen Rassismus, etc.) zu nutzen oder Mitglieder aus der eigenen Community, die dies tun, gewähren zu lassen.
Youtuber*innen müssen sich bewusst werden, dass sie genau so viel (wenn nicht mehr) Einfluss haben, wie das Fernsehen, Radio und andere populäre (online) Medien. Sie sind keine Einzelpersonen mehr, die in kleinem Kreis einen problematischen Witz reißen, sondern sie propagieren an Millionen Jugendliche und junge Erwachsene, dass solche Dinge nicht nur nicht rechts sind, sondern akzeptabel und normal.
Aussagen und Witze mit rechter Rhetorik machen einen nicht zum Nazi, aber sie stützen die Normalität dieser Dinge, die besonders von rechter Seite immer weiter in unsere Gesellschaft gedrückt werden. Gerade in Gamingkreisen. Damit helfen sie rechten Organisationen und Gruppen dabei, als normal und ungefährlich eingestuft zu werden. Gleichsam rutschen immer mehr der Zuschauer*innen in die rechte Ecke ab und werden nicht von ihren Idolen daran erinnert, dass diese Sichtweisen nicht normal sind.

Was müsste sich ändern, um die Probleme, die sie damit erzeugen, einzudämmen?

Idealerweise müsste man gegen systematischen Antifeminismus, Rassismus und Heterosexismus vorgehen und diese aus unserer Gesellschaft entfernen. Das ist allerdings eher ein Ziel, als eine direkte Maßnahme.
Die, die das ändern können, sind die Youtuber*innen selbst, aber auch ihre Zuschauerschaft. Im englischsprachigen Bereich gibt es bereits viele Youtuber*innen, die sich offen und direkt gegen rechte Rhetorik und Gedankengut aussprechen und ihre Community sensibilisieren. Auch hier gibt es das schon, allerdings in viel kleinerem Ausmaß. Die großen bekannten Gamingyoutuber (leider fast nur cis Männer) tun dies nicht. Sie nehmen zu Teilen immer mal wieder ‘linke’ Positionen ein, aber ein ‘Nazis raus’-Tweet ist nicht das gleiche, wie eine direkte Auseinandersetzung mit problematischen Sprachmustern und Verhaltensweisen, die von rechtem Gedankengut beeinflusst sind oder dies stützen.
Zuschauer*innen haben da ebenfalls Einfluss drauf. Sie können das Verhalten von Youtuber*innen und anderen Communitymitgliedern kritisieren, aufhören Youtuber*innen, die nicht auf rechte Rhetorik verzichten wollen, zu unterstützen (damit meine ich nicht mal mehr, dass man aufhört sie zu schauen, sondern keine finanzielle und emotionale Unterstützung mehr leistet) und sich selbst weiterbilden und sensibilisieren.

Angenommen ich habe in meinem Umfeld eine Person, die sexistische Sprüche oder Ideen bei einem Streamer aufschnappt: Was könnte oder sollte ich deiner Ansicht nach tun, wenn ich gerne dem entgegenwirken möchte? Hast du Tipps, wo ich mich dazu weiter informieren könnte?

Ich glaube gerade Eltern sollten sich mit den Inhalten, die ihre Kinder online konsumieren, auseinandersetzen und gegebenenfalls intervenieren. Eine offene Unterhaltung darüber, warum die Idole ihrer Kinder problematische Dinge sagen und tun, kann viel erreichen.
Generell hilft ein Gespräch zu Beginn sehr viel, denke ich. Sozialisierung beeinflusst uns zu einem sehr großen Teil und wenn man nie darüber nachgedacht hat, was die Menschen in den Videos damit eigentlich aussagen, hinterfragt man das nicht.
Allerdings haben Fancommunities leider oft eine Art ‘Tunnelblick’, wenn es um ihre Idole/Vorbilder geht. Da hilft es, denke ich, langsam zu sensibilisieren und nicht zu verurteilen. Viele Fans von Gronkh beispielsweise schauen ihn seit Jahren und verknüpfen damit gute Erinnerungen. Das ist als ‘guilty pleasure’ auch vollkommen in Ordnung. Es geht darum zu zeigen, dass man Personen mögen und gleichzeitig kritisieren kann. Am Ende des Tages kritisiert man ja auch nicht Range per se, sondern seine online Persönlichkeit ‘Gronkh’ (womit ich nicht sagen will, dass man Kunst und Künstler*in trennen kann). Diese Differenz hilft dabei, den eigenen Standpunkt bei Fans sichtbar zu machen.
Es gibt viele tolle Ressourcen von Betroffenen, die ihre Kritik an Youtuber*innen (besonders Gaming-Youtuber*innen und Streamer*innen) deutlich und mit Beispielen online verfügbar machen. In den sozialen Medien werden auch immer wieder Fans laut, denen solche Dinge auffallen. Solche Texte, Tweets, Youtubevideos, Instagram-Captions und Co. sind effektiver, als Zeitungsartikel oder Fernsehdokus zum Thema, da sie einen Blick von Innen zeigen und das Medium ‘Youtube’ und seinen Einfluss verstehen. Wenn man darüber noch hinausgehen möchte, kann man sich die (internationale) Forschung zum Thema ‘Fandom’ ansehen.